Geschichte vier: Paul und die traurige Prinzessin

Als der kleine Paul erwachte schien die Sonne hell in den Raum, den der König ihm als Unterkunft gegeben hatte. Ihre warmen Strahlen kitzelten in der Nase.

Heute war es also soweit, er würde damit beginnen ein Ritter zu werden!

Voller Freude sprang er aus dem großen Bett, zog rasch die neue Kleidung an – Hose und Hemd ganz ohne Flicken und Schmutz, dazu einfache Lederschuhe – und rannte hinab in den gigantischen Königssaal.

Doch der König saß nicht auf seinem Thron und Paul wollte schon hinauslaufen, um ihn zu suchen, als er leises Wimmern hörte.

Da weinte doch jemand?

Paul lauschte genauer und ging um den Thron herum, da dass Weinen und Schniefen aus dieser Richtung kam.

Dort, zusammengekauert und in Tränen aufgelöst hockte ein Mädchen mit braunen Locken und in einem wunderschönen Kleid.

„Hallo, ich bin Paul und wer bist du?“ fragte er.

Das Mädchen blickte erschrocken auf, wischte sich die Tränen aus den Augen und antwortete:

„Ich bin Lilly.“

Dann blickte sie wieder traurig zu Boden und weinte erneut.

„Warum weinst du denn so schrecklich?“ wollte Paul wissen.

„Ich kann meinen Teddy nicht finden. Er ist spurlos verschwunden.“ klagte Lilly und weinte noch heftiger.

Der kleine Paul empfand tiefes Mitleid für das Mädchen. Er erinnerte sich daran, wie schlimm es war, als Schnattchen, seine Lieblings-Kuschel-Ente verschwunden war. Damals hatte er sie erst nach Tagen unter seinem Bett, zwischen den anderen Spielsachen wiedergefunden.

„Wollen wir zusammen suchen?“ bot er daher an.

„Glaubst du denn, dass wir ihn finden?“ Lilly wischte sich erneut Tränen aus den Augen und schnäutze dann in ein hellrosa Taschentuch.

„Natürlich! Ein Ritter findet alles wieder!“ bekundete der kleine Paul und versuchte sie mit einem Lächeln aufzumuntern. Dann hielt er ihr seine kleine Hand hin und half ihr auf die Beine.

„Wo hattest du ihn den zuletzt?“

Lilly überlegte.

„In meinem Zimmer.“

„Dann sehen wir dort zuerst nach! Zeig mir wo es ist.“

Lilly nahm Pauls Hand und zeigte ihm den Weg zu ihrem Zimmer.

Als sie das Zimmer betraten schrie er laut auf:

„Das ist ja eine Rumpelkammer und kein Zimmer!“

Überall lag Spielzeug verstreut auf dem Boden, dazwischen Malblöcke, Stifte, Kuscheltiere, Puppenkleidung, Kleider, Röcke und Blusen des Mädchens und noch Einiges mehr, was man nicht genau erkennen konnte.

„Hey,“ protestierte Lilly, „das ist nicht meine Schuld! Das Dienstmädchen was hier sauber macht ist krank!“

Paul sah sie an. Ein Dienstmädchen was einem das Zimmer aufräumt? Er wusste gar nicht das es so etwas gab.

„Warum räumst du denn nicht selbst auf?“

Das Mädchen wirkte beschämt und flüsterte nur leise:

„Weil ich das noch nie gemacht habe und nicht weiß wie es geht.“

Da musste er lachen, der kleine Paul.

„Aber das ist doch ganz einfach! Komm' ich helfe dir und dann finden wir ganz sicher deinen Teddy!“

Und schon legte Paul los. Er ging durchs Zimmer und schnappte sich zuerst alle Sachen, die Lilly auf dem Boden verteilt hatte und warf sie auf einen Haufen.

„So, die Sachen legen wir zusammen und dann legen wir sie in deinen Kleiderschrank.“

Er zeigte ihr, wie man Blusen zusammenlegte und die Kleider ordentlich auf einen Kleiderbügel hing. Zum Glück hatte ihm seine Mama oft gezeigt wie man das machte.

Da Lilly das Zusammenlegen der Röcke und Blusen nicht so gut hinbekam, übernahm er jedoch das Falten der Sachen und gab sie dann Lilly, die alles in den großen Kleiderschrank legte und aufhing.

Als das erledigt war, fragte er sie, ob sie eine Kiste habe.

„Ja, dort unter den Kuscheltieren.“

Der kleine Paul räumte die Kuscheltiere auf das unordentliche Bett und öffnete die Kiste.

„Dort hinein kommen jetzt die Spielsachen.“

„Aber ich brauche meine Puppe dann sofort!“ protestierte Lilly.

„Dann kommt die Puppe dann auf die Kiste.“

Ohne weitere Widerworte sammelte das Mädchen Spielsachen ein und warf sie in die offene, große Holzkiste, bis der Boden wieder sichtbar war.

Dann machte Paul die Kiste mit einem PLAUTZ zu und setzte die Kuscheltiere wieder an ihren Platz, die Puppe in deren Mitte.

Nun sah es schon fast ordentlich aus. Nur Buntstifte, Kreide, Wachsstifte und Papier zum Malen lag noch herum. Das schnappte sich Paul und legte es auf den Tisch, die Stifte steckte er in einen bunten Becher.

Er klatschte in die Hände und verkündete stolz:

„Fertig!“

Lilly sah jedoch gar nicht glücklich aus. Freute sie sich denn nicht, dass ihr Zimmer wieder so schön ordentlich war?

„Aber mein Teddy war bei den Spielsachen nicht dabei.“ jammerte sie und eine dicke Träne kullerte ihre Wange hinab.

Der kleine Paul sah sich um. Hatten sie etwas vergessen?

Ja, natürlich!

„Wir haben noch nicht im Bett nachgesehen!“ platzte er heraus.

„Aber ich habe doch im Bett schon nachgesehen, heute Morgen gleich als allererstes. Dort ist er nicht.“ gab Lilly traurig zurück.

Dennoch musste das Bett gemacht werden, bevor sie weitersuchen konnten. Er nahm Bettdecke und Kissen und warf sie auf die Erde. Das Laken war ganz verknittert und er wollte es richten.

„Kannst du mir helfen? Ich kann die Matratze alleine nicht heben.“

Lilly stellte sich auf die andere Bettseite und mit einem „Hau Ruck!“ hievten sie die Matratze nach oben.

„Teddy!“ schrie Lilly erfreut.

Tatsächlich, da lag er, auf dem kalten Lattenrost. Er musste nachts unter die Matratze gerutscht sein!

Mit einem schnellen Griff mit der rechten Hand, die linke brauchte sie, um mit Paul die Matratze zu halten, fischte sie Teddy hervor.

Mit einem KLATSCH fiel die Matratze aufs Bett zurück. Während Lilly ihren Teddy herzte und drückte, zog der kleine Paul das Laken glatt, schüttelte das Kissen und die Decke auf und richtete das Bett her.

Nach getaner Arbeit klatschte er in die Hände.

„So. Erledigt.“

Lilly fiel Paul um den Hals und drückte ihm einen Schmatzer auf die Wange. Er wollte soeben protestieren, das Mädchenküsse ekelig seien, als der König in der Tür stand.

„Lilly mein Kind, was ist denn hier los?“ wollte er wissen.

„Papa, Papa, Ritter Paul hat mit mir zusammen meinen Teddy gesucht! Er hat mich gerettet! Und das Zimmer aufgeräumt hat er auch mit mir!“ berichtete Lilly begeistert.

Der König lachte und meinte nur:

„Nun, kleiner Paul, dann hast du deine erste ritterliche Tat ja heute schon bestanden! Du hast die Prinzessin gerettet und ihr geholfen. Sehr löblich.“


Paul war mächtig stolz. So einfach konnte man also eine Heldentat vollbringen.

17.5.13 13:09

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