Geschichte drei: Paul beim mächtigen König

Da standen sie, unser kleiner Paul und Konrad, sein großes Pferd und besahen sich das Tor, welches den Weg ins Schloss versperrte. Was für ein riesiges Tor es war! Aus dunklem Holz und mit großen silbern glänzenden Schanieren.

„Und nun?“ fragte Konrad, das edle Ross.

„Wir klopfen!“ sagte Paul prompt, hüpfte auf Konrads Kopf und schlug kräftig mit seinen kleinen Fäusten gegen das harte Holztor.

Eine kleine Luke öffnete sich, und zwei grimmig dreinschauende Augen blitzen daraus hervor.

„Wer erbittet Einlass ins Schloss, sagt an!“ knurrte eine tiefe Stimme.

„Ich, Paul und sein edles Ross.“ gab Paul vornehm zurück und hob eine kleine Hand zum Gruße.

„Und was wollt Ihr?“ knurrte es erneut.

„Ich möchte zum König, damit er mich zum Ritter macht!“ antwortete Paul.

Ein rasselndes Lachen drang hinter dem großen Tor hervor.

„Wie kommt Ihr darauf, dass der mächtige König euch zum Ritter macht?“ Der Wachmann hinter der Luke lachte noch immer.

„Na, weil er der König ist!“ gab Paul simpel zurück.

Und das war die Wahrheit. Wer sonst sollte jemanden zum Ritter schlagen, wenn nicht der große, mächtige König?

Die Luke schloss sich ohne das der Wachmann ein weiteres Wort sprach. Dann knarrte und ruckte und quietschte und knackte es und das riesige Tor öffnete sich träge und langsam.

Dahinter kam die Gestalt eines dicken, bärtigen Mannes hervor. Seine Haut war braun, vom vielen Wache halten in der heißen Sonne und sein Bart, sowie das wenige Haar, welches unter seinem Helm hervorlugte, waren hell, die Augen grau.

„Du willst also ein Ritter sein, Winzling!“

Erneut lachte der Wachmann und hielt sich den dicken Bauch, der bebte und schaukelte.

„Ja, genau das möchte ich, Herr Wachmann!“ sagte Paul aus voller Überzeugung.

Kopfschüttelnd machte der dicke Wachmann den Weg frei.

„Dann komm' herein, Kleiner. Aber erwarte nicht zu viel.“

Paul ging durch das große Tor, Konrad folgte ihm, seine Hufeisen klackerten.

Der Schlosshof war ganz mit hellem Stein gepflastert, ein mit Engeln verzierter Springbrunnen spie prächtige Wasserfontänen in die Luft. Dahinter erhob sich das prächtige Schloss des Königs, erbaut aus weißem Mamor und mit Gold und Edelsteinen verziert. Die Fenster waren allesamt aus bunten Glas, jedes zeigte eine andere Blume, in rot, blau, gelb, violet und grün.

Überall auf dem Hof eilten fleißige Arbeiter umher. Frauen mit großen Wäschekörben, Männer mit Äxten, Dienstburschen in leuchtender Kleidung und mit einer Feder am kleinen Hut.

Paul war fasziniert. Soviel Prunk und Glanz hatte er noch nie gesehen!

Konrad hinter ihm wieherte.

„Das ist ja fantastisch! Ob es einen Stall gibt, wo ich schlafen kann?“

Konrad sah wahrlich müde aus, von der langen Reise zum Schloss und das brave Pferd hatte sich etwas Ruhe wohl verdient.

„Wachmann? Kann ich mein Pferd in den Stall bringen?“ fragte der kleine Paul deswegen den Wachmann.

„Natürlich, die Ställe sind gleich da hinten.“ Er zeigte auf ein langes, niedriges Seitengebäude. „Ich heiße im übrigen Kurt. Niemand am Hofe nennt mich Wachmann. Einfach Kurt.“

„Dann dank' dir, Kurt.“ meinte Paul und machte eine Verbeugung, so tief das seine kleine Nase beinahe das Pflaster berührte.

Der dicke Kurt lachte abermals und Paul führte Konrad zu den Ställen, die nach frischem Heu dufteten.

„Oh, wie wunderbar. Sie nur die großen Boxen! Und in jeder Box eine eigene Tränke und ein Bündel Stroh!“

Das edle Ross war sichtlich begeistert und ließ sich sogleich in einer leeren Box nieder, trank Wasser, steckte seinen Kopf ins Stroh und legte sich dann zum Ruhen nieder.

„Ruh' dich aus, ich gehe derweil den König suchen.“ verabschiedete sich Paul und machte sich auf den Weg zum Schloss.

Die Treppen die zum Eingang hinauf führten waren nicht für kleine Beine gemacht. Der kleine Paul musste sich doll anstrengen und kam leicht außer Atem oben an.

Die Flügeltür des Schlossen schwang auf, ohne das er sie berührte und gab den Blick in einen riesigen Saal frei, welcher mit Samt, Mamor, Seide und allerlei Prunk ausgestattet war. In der Mitte stand ein prächtiger Thron, ganz aus Gold und Edelstein. Ob solch ein harter Thron wohl bequem sein konnte, fragte sich Paul und trat leise ein.

„Wer besucht mich, so sprich!“ sagte eine laute, aber freundliche Stimme und der kleine Paul hob den Blick.

Die Augen fest und tapfer auf den König gerichtet, ein imposanter Mann, in langer roter Robe und mit einer wunderschönen Goldkrone auf dem Kopf, sagte er:

„Ich, Paul, Sohn des Kutschers, ersuche euch, edler König.“

Der König lächelte mild und fragte weiter:

„Nun denn, kleiner Kutscherssohn, was ist dein Begehr?“

Paul kam etwas näher und als er nur noch wenige Schritte vom Thron entfernt war, sprach er:

„Ich möchte Ritter sein, gnädiger König. Ich möchte euch als edler Rittersmann vor Räubern, Drachen und anderen bösen Dingen schützen und Tuniere für euch gewinnen.“

Der König lachte laut auf und legte seinen gekrönten Kopf schief.

„Nun, ein Ritter wird man nicht ohne ritterliche Taten, kleiner Mann.“

Paul senkte traurig den Blick und sah auf seine kleinen Füße hinab.

„Aber ich möchte so gerne in Ritter sein.“ flüsterte er leise, mehr zu sich selbst als zum König.

„Paul, kleiner Sohn des Kutschers, niemand wird mit einer Bitte von meinem Hofe gejagt. Doch bist du dir ganz sicher, dass du ein Ritter sein möchtest und alles lernen willst, was dazu nötig ist?“

Natürlich! Und ob Paul das war!

Aber er sagte es nicht, sondern nickte nur, weil man einem König gegenüber ein ordentliches Benehmen an den Tag legen musste.

„Nun denn, so sei es. Ab Morgen beginnt deine Ritterausbildung. Heute ist es nur noch Zeit zu Bett zu gehen. Aber vorher nimmst du ein Bad und lässt dich neu einkleiden. Ich dulde Schmutz und zerrissene Kleidung nicht an meinem Hofe.“

Nach diesen Worten klatschte der König laut in die Hände.

Zwei Diener eilten herbei, erhielten ihre Aufgaben und führten dann Paul hinaus.


Auf dem Weg zum Baden strahlte er übers ganze Gesicht.

Er würde Ritter werden, ein richtig echter Ritter, mit allem was dazugehörte. Er sprang vor Freude in die Luft.

17.5.13 11:24

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