Geschichte zwei: Paul auf dem Weg zum Schloss

Paul und Konrad waren schon einige Zeit unterwegs. Sie waren auf der Hauptstraße des Dorfes in Richtung Schloss geritten und als das letzte Haus schon eine gefühlte Ewigkeit hinter ihnen lag, fing Pauls kleiner Bauch fürchterlich zu grummeln an.

„Oh, ich habe solchen Hunger, Konrad.“ jammerte er und streichelte über sein leeres Bäuchlein.

„Halte durch, kleiner Paul, bald kommt eine Allee mit vielen Bäumen, an denen Früchte wachsen.“ tröstete das große Pferd und bemühte sich, selbst hungrig, etwas schneller zu traben.

So ritten sie weiter und das Knurren ihrer Mägen wurde lauter und lauter.

Als es beinahe so laut war, dass man damit einen Bären erschrecken konnte, kam endlich die Allee in Sicht.

Prächtige große Bäume standen dort, rechts welche mit dicken, rotbackigen Äpfeln und links welche mit Kirschen, die leider noch ganz grün und ungenießbar waren.

„Schneller Konrad, ich verhungere gleich!“ versuchte Paul sein Pferd zu einem schnellen Galopp zu animieren.

Durch den süßen Duft der leckeren Früchte ganz außer sich, rannte Konrad so schnell, dass er nach Luft schnappen musste, als er endlich unter einem gewaltigen Baum stehen blieb.

Paul stieg hastig auf den großen Kopf des Pferdes und pflückte einen Apfel der so groß war, dass er kaum in seine Hände passte.

„Hier Konrad, der ist für dich, mein treues Ross.“ sagte er und ließ die Frucht auf den Boden plumpsen.

Dann schnappte er sich schnell einen zweiten Apfel, rutschte den Pferdehals hinab, zurück auf den gemütlichen Pferderücken und biss herzhaft in das saftige Fruchtfleisch.

Konrad fraß genüsslich schmatzend und patschend seinen Apfel in Windeseile auf und bat um einen zweiten, den er auch bekam.

Immerhin trug er den kleinen Paul den gesamten Weg und außerdem hatte ein großes Pferd natürlich auch mehr Hunger als so ein kleiner Paul.

Als beide fertig gegessen hatten, wieherte Konrad: „Jetzt habe ich Durst, einen Riesendurst!“

Paul sah sich um, denn auf dem Pferderücken saß er hoch und konnte gut in die Ferne sehen.

„Dort hinten fließt ein Bach, dort können wir trinken.“

Konrad wollte am liebsten sofort und auf der Stelle loslaufen, aber der kleine Paul gebot ihm, stehen zu bleiben.

„Aber warum denn nur? Ich habe doch so Durst!“ jammerte das Pferd.

„Zuerst pflücke ich noch ein paar Äpfel, damit wir später noch etwas Essen können. Wer weiß, wann wir das nächste Mal so ein Glück haben und etwas zu Essen finden.“

Das war klug vom kleinen Paul und so blieb der durstige Konrad brav stehen und wartete geduldig, bis sein Reiter noch ein paar Äpfel gepflückt und im Eimer verstaut hatte.

„Jetzt können wir los, edles Ross!“ sagte Paul und Konrad galoppierte so schnell los, dass beinahe die schönen Äpfel aus dem Eimer auf den staubigen Weg gefallen wären. Das sanfte Plätschern des Wasser war bald darauf zu hören.

Konrad hing schon die Zunge aus dem Mund.

„Durst, Durst, Durst!“ schnaubte er und mühte sich, dass Wasser endlich zu erreichen.

Am Bach angekommen, stieg Paul mit Hilfe seiner Eimer-Leiter von seinem Pferd und stellte sich an den Bachlauf. Konrad beugte sich soeben nach vorn um endlich zu trinken, als Paul rief:

„Sieh' nur, da sind Fische! Wie hoch die springen können!“

„Fische!“ Konrad machte einen großen Satz zurück.

Verwundert fragte Paul, was er denn nur habe.

„Ich fürchte mich vor Fischen. Die sind so glibberig und fischig.“

„Aber ich dachte du hast Durst?“

Den hatte Konrad auch, aber er fürchtete sich so davor, dass einer der Fische gegen seine Nase springen könnte, dass er es nicht fertig brachte aus dem Bach zu trinken.

„Nun muss ich verdursten.“ klagte er und sah traurig drein.

Doch Paul hatte eine Idee. Er nahm seinen Eimer, indem der die leckeren Äpfel verstaut hatte und leerte ihn.

„Warum wirst du denn die ganzen Früchte weg, kleiner Paul?“ wunderte sich Konrad.

„Ich werfe sie nicht weg, ich lege sie nur kurz hierher, weil ich den Eimer brauche.“ korrigierte ihn Paul und legte den letzten Apfel ins grüne Gras.

Da er den großen Eimer nicht tragen konnte, stellte er sich dahinter und schob ihn zum Bach, um ihn dann mit einem lauten PLATSCH hinein zu werfen.

Das Wasser floss in das Innere des Eimers. Dann nahm Paul das freie Seilende und lief zu Konrad.

„Du musst das in den Mund nehmen und ziehen. Der Eimer ist für mich zu schwer.“

Das Pferd nahm das Seilende ins Maul und zog und zog und zog, so fest es nur konnte, bis der Eimer wieder am Ufer angekommen war.

„Und jetzt gib ihm schnell einen Tritt, damit er wieder aufrecht steht!“ rief Paul.

Ein kräftiger Pferdetriff und der Eimer stand, halbvoll mit Wasser.

„Jetzt kannst du trinken, ganz ohne Angst vor glischigen Fischen haben zu müssen.“

Konrad machte vor Freude einen großen Satz und steckte dann schnell den Kopf in den Eimer und trank.

Mit patschnassem Gesicht tauchte der Pferdekopf kurz danach wieder aus dem Wassereimer auf und Konrad sah zufrieden aus.

„Das tat gut! Danke kleiner Paul!“

Paul ging an den Bach und trank nun selbst etwas Wasser, dass er mit seinen Händen sammelte.

„Meinst du, du schaffst es nun bis zum Schloss, Konrad?“

Das Pferd nickte und wieherte zustimmend.

Und so stieg der kleine Paul wieder aufs Pferd, machte den Eimer am Sattel fest und Konrad hob die Äpfel mit seinem Mund auf und legte sie zurück.

„Sieh mal, dort hinten, da glänzt etwas!“ rief Konrad als er in die Weite blickte.

„Das ist die Turmspitze des Schlosses! Papa hat immer erzählt, sie sei ganz aus Gold und man kann sie von weitem glitzern und funkeln sehen!“

Ohne weitere Umschweife setzte sich Konrad in Bewegung, immer den Bach entlang, Richtung der Funkel-Turmspitze des Schlosses.


Als es eben dunkel wurde, kamen sie am großen Schlosstor an.



17.5.13 09:44

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen