Geschichte eins: Paul und das Pferd

Dies ist die Geschichte vom kleinen Paul, der einen riesengroßen Traum hatte.
Paul wollte Ritter werden!
Mit einer glänzenden Rüstung, einem edlen Pferd, einem silbernem Schwert und viel Mut wollte er Prinzessinnen retten, Drachen besiegen und heldenhafte Heldentaten vollbringen.
Doch sein Papa hielt von dieser Träumerei nicht viel.
„Du bist zu klein für einen Ritter, Paul. Sieh doch, du gehst mir gerade einmal bis zum Bauchnabel!“ Scherzte er in väterlicher Fürsorge.
„Helden müssen nicht groß sein, nur große Taten vollbringen!“ erwiderte Paul trotzig.
Eine kluge Antwort.
Denn, Du musst wissen, der kleine Paul war vielleicht nicht groß, aber er war schlau. Paul konnte rechnen und schreiben und er hatte immer eine Idee, wenn jemand ein Problem hatte, welches es zu lösen galt.
„Nun“, sagte sein Papa, „wenn du eine große Tat vollbringen möchtest, kannst du mir helfen die Kutsche zu putzen.“
„Die Kutsche putzen? Ritter putzen keine Kutschen! Sie reiten auf Pferden und besiegen Monster und Drachen!“ motzte Paul.
„Du bist aber nun einmal ein Kutscherssohn und kein Ritter. Und Söhne von Kutschern putzen die Kutsche, mit der ihr Vater das Essen verdient, indem er andere Leute dorthin bringt, wo immer sie hin wollen.“
Der Kutscher drückte Paul einen Lappen in die Hand, hob ihn hoch und stellte ihn vor der hölzernen Kutsche ab, die er sein Eigen nannte. Auf einen Eimer zeigend, der bereits voll frischem Putzwasser war, sagte er:
„Du kannst Ritter werden, wenn du es einmal schaffst ohne meine oder Mamas Hilfe auf Konrads Rücken zu kommen, mein Kleiner.“
Mit diesen Worten ging er und ließ Paul stehen.
Widerspenstig begann er zu putzen. Konrad, das Kutschpferd sah ihn aus großen, braunen Augen dabei zu.
So wusch und polierte und putze Paul eine Weile die Kutsche mit ihren hölzernen Rädern und bronzenen Verzierungen und redete leise mit sich selbst, wie gemein sein Papa war, weil er ihm immer sagte, er sei zu klein.
„Warum setzt du dich dann nicht auf mich? Der Boss hat gesagt, wenn du das kannst, kannst du Ritter werden.“ wieherte Konrad.
Ein sprechendes Pferd? Ihr dachtet sicher, so etwas gibt es nicht. Aber alle Tiere können sprechen, in ihrer eigenen Sprache. Und unser kleiner Paul hatte die Gabe, diese Sprachen zu verstehen. Schon als er gerade einmal krabbeln konnte, freute er sich, wenn die Mäuse in Mamas Küche, die immer nur heimlich herauskamen, um etwas Käse zu stibitzen, ihm eine Geschichte über Mäuse-Abenteuer erzählten.
„Aber ich komme nicht hinauf zu dir, wenn Mama oder Papa mich nicht auf deinen Rücken heben.“ sprach Paul traurig.
Konrad legte den Kopf schief.
„Dann musst du dir etwas ausdenken, wie du es alleine schaffst.“
Da hatte das große Pferd recht. Er brauchte etwas, womit er hoch genug kam, um bequem auf Konrads Rücken zu kommen...
Eine Leiter wäre toll!, dachte Paul. Aber eine Leiter konnte er als Ritter doch nicht die ganze Zeit mit sich herum tragen, nur damit er auf sein edles Ross kam und natürlich auch wieder hinunter. Nein, er brauchte etwas anderes.
Paul begann sich umzusehen. Doch nirgends stand, lag oder hing etwas, woraus sich etwas bauen ließ.
Mitten in seiner Überlegung erschreckte Paul fürchterlich, als etwas mit einem Rums und danach ein lautes Platsch umfiel.
Konrad war gegen den Wassereimer gekommen und hatte ihn mit seinen Hufen umgeworfen. Das Wasser bildete eine eklig-braune Matschfütze mit dem erdigen Boden.
„Der Eimer!“ stieß der kleine Paul freudig aus.
„Was ist mit dem Eimer?“ wollte Konrad wissen. „Der ist doch unnütz, so ohne Wasser darin. Ein Putzeimer ist nur ein Putzeimer, wenn Wasser zum Putzen darin ist.“ verkündete das Pferd.
Aber Paul lachte verschmitzt und sprach:
„Dann pass' gut auf, was ich mit dem Eimer mache!“
Er drehte den Eimer, ein wirklich großer Eimer, der ihm bis zur Brust ging, um.
„Wenn ich mich da hinauf stelle, komme ich ohne Mühe auf deinen Rücken Konrad!“ freute er sich.
Das große Pferd sah ihn an und meinte jedoch:
„Und wie kommst du auf den Eimer? Um dich einfach drauf zu stellen, sind deine Beine viel zu kurz.“
Paul wollte schon protestieren, aber dann musste er zugeben, dass Konrad die Wahrheit sagte.
Zwei Stufen müsste der Eimer haben, dann könnte er auf diese steigen, und dann vom Eimer aus auf das Pferd.
Wieder begann er zu grübeln und nachzudenken. Wie konnte er es nur anstellen...
Sein Denken wurde unterbrochen durch ein kratzendes Geräusch. Ratsch, ratsch, ratsch machte es.
„Was machst du da Konrad?“ wollte Paul wissen, als er sah, wie das Pferd mit seinen Hufen über den Boden schabte.
„Die neuen Hufeisen sind noch etwas unbequem und ich schabe damit über den Boden, um sie einzulaufen.“
Neue Hufeisen. In Paul keimte eine Idee auf.
„Konrad, weißt du wo mein Papa die alten Hufeisen hin getan hat?“
Das große Pferd nickte mit seinem großen Kopf.
„Hinten in die Kutsche hat er sie gelegt, er wollte sie wegwerfen, aber er hat's vergessen.“
Paul stürmte um die Kutsche herum und sah nach und wahrhaftig, da lagen sie! Etwas dreckig und rostig, aber für seine Zwecke würden sie gehen.
Er nahm sich zwei der vier Hufeisen und kam zurück zum Eimer. Diesen kippte er auf die Seite zurück und begann die Enden der U-förmigen Eisen in das Holz zu stoßen.
„Was machst du denn da? Ein Eimer mit Hufeisen, wozu soll das gut sein?“
Konrad legte den Kopf schief und wunderte sich merklich.
„Du wirst schon sehen!“ sagte Paul, der durch die anstrengende Arbeit ganz außer Atem war.
Als die Eisen endlich im Holz steckten, drehte er den Putzeimer wieder um.
„So, fertig!“ vermeldete er stolz. „Und jetzt sieh hin Konrad, wozu ich die Hufeisen brauchte.“
Der kleine Paul stieg mit einem kleinen Fuß auf das erste Hufeisen, hielt sich am Eimerrand fest und dann mit dem anderen Fuß auf das zweite Hufeisen und schwups, stand er auf dem großen Eimer und jubelte.
„Juhu, so geht es! Mein Eimer hat eine Mini-Leiter und nun komme ich ganz allein hinauf!“
Konrad wieherte erfreut.
„Schön, schön! Dann kannst du ja nun auf meinem Rücken sitzen!“
Und ob er das konnte.
Der kleine Paul galoppierte eine Runde mit Konrad und freute sich. Dann stieg er wieder ab, kletterte den Eimer hinunter und stand immer noch lachend wieder auf festem Boden.
„Jetzt kann ich Ritter werden!“
„Aber Paul,“ unterbrach das Pferd seine Freude, „wie willst du den Eimer denn mitnehmen? Du kannst ihn doch nicht immer tragen.“
Doch auch für dieses Problem fand Paul eine Lösung.
„Ich nehme eins von Papa's Seilen, das binden wir um den Henkel vom Eimer, und dann können wir ihn an der Lasche deines Sattels festbinden. Wenn ich ihn brauche, ist er dann immer da.“
Eine tolle Idee.
Und genau so machte es Paul.
Mit dem Seil in der Hand kletterte er wieder auf Konrads Rücken und band den Eimer am Sattel fest.
„Und jetzt kann ich Ritter werden!“
„Und ich bin dein edles Ross! Ich wollte schon immer ein edles Ross sein, seit ich ein kleines Kutsch-Pferd-Fohlen war!“ freute sich auch Konrad.

Und so ritten die beiden los, in Richtung Schloss, wo der mächtige König wohnte.

17.5.13 09:41

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